Familienleben, Kinderwelt

Dürfen Kinder nicht mehr krank sein? – 1, 2, 3 fieberfrei

1. März 2020

Berufstätig - Kind Krank und nun?

Dürfen Kinder nicht mehr krank sein? Müssen sie funktionieren, damit Mama und/oder Papa auf der Arbeit nicht fehlen? Ist ein Fiebersaft „das“ Mittel und wie viel kann man seinen Kindern eigentlich zumuten? 

Viele Gedanken schwirren durch meinen Kopf.

Nachdem hier jedes Kind eine Woche (hintereinander natürlich) krank war, ich Stunden an Bett und Couch verbracht habe,
mir an manchen Tagen die Decke auf den Kopf gefallen ist
und ich dennoch zu schätzen weiß,
dass meine kranken Kinder daheim bleiben dürfen bzw. können,
möchte ich gerne meine Gedanken mit euch teilen.

Vorneweg, ich habe das Privileg, dass ich aktuell von zuhause aus arbeite. Ich kann mir meine Arbeitszeit frei einteilen, notfalls auch abends, nachts, oder am Wochenende. Das ist nicht nur dann wichtig, wenn die Kinder krank sind, sondern ermöglicht meinem Partner auch unter der Woche beruflich viel unterwegs zu sein. Er musste noch kein einziges Mal einen Krankenschein für eines der Kinder einreichen bzw. Kinderpflegekrankengeld in Anspruch nehmen. Inwieweit das nun positiv oder negativ ist sei mal dahin gestellt. 

Berufstätige Eltern stehen unter einem enormen Druck

Mir ist bewusst, dass viele berufstätigen Eltern unter einem enormen Druck stehen. Fehltage auf der Arbeit werden nicht gerne gesehen, und auch wenn sich viele Unternehmen „familienfreundlich“ auf die Fahne schreiben – die wenigstens sind es leider tatsächlich. Aber auch für Selbstständige ist es nicht einfacher.

Und somit sehen sich viele Eltern womöglich regelrecht dazu gezwungen, schlappe, kranke Kinder in der Kita, oder auch der Schule abzugeben. Gerade wenn Schnupfen, Husten und grippale Infekte Hochsaison haben, wie jetzt im Winter. Eine Woche daheim kann gemanagt werden, aber eine zweite – „das geht nicht“. Der gesetzlich geregelte Pflegeurlaub ist schnell aufgebraucht und sowieso, die Arbeit muss wieder aufgenommen werden. 

Mit diesem Artikel möchte ich niemanden auf den Schlipps treten und berufstätige Eltern nicht an den Pranger stellen. Ich kann die verschiedensten Situationen und Notlagen nachvollziehen, habe aber dennoch das Bedürfnis, mit diesem Text ein bisschen für kranke Kinder einzustehen. 

Krankes Kind in Kita

Kranken Kindern wird nicht nur das Bett genommen!

Die Tatsache, dass kranke Kinder häufig (es ist ein alltägliches Problem, ich kenne es selbst aus der Praxis) in Kitas und Co. abgegeben werden finde ich sehr bedenklich. Nicht nur, dass kranke Kinder wie wir alle wissen ins Bett gehören bzw. Ruhe benötigen, ihnen wird meiner Meinung nach auch einiges genommen. Ich beziehe mich im Übrigen auf (starke) Erkältungen und grippale Infekte, nicht auf schwere Erkrankungen!

Das Immunsystem wird geschwächt!

Für den Körper ist wichtig, dass er sich mit Viren und Co. Auseinandersetzung darf bzw. kann, um körpereigene Abwehrkräfte zu stimulieren. Hierfür ist ein Krankheitsprozess unabdingbar, da dieser wiederum die Genesung herbeiführen kann. 

Unser Immunsystem hat einige Maßnahmen in Petto, um körperfremde Substanzen zu bekämpfen. Die zwei Wichtigsten sind Fieber und Entzündungen. Beides sind Reaktionen des Körpers auf ein arbeitendes Immunsystem. Deswegen sollte Fieber nicht immer direkt mit Zäpfchen oder Saft unterdrückt werden.

Klar, wenn meine Kinder leiden, oder das Fieber über eine bestimmte Zahl steigt bekommen sie auch etwas. Fiebern sie jedoch im „unkritischen“ Bereich (und das kann man als Eltern meist ganz gut einschätzen, da Kinder auch unterschiedlich bei Temperaturen reagieren), sind dabei schlapp und müde – lasse ich sie gerne fiebern und interveniere maximal mit Wadenwickeln

1,2,3 fieberfrei

Das Problem an fiebersenkenden Mitteln ist nämlich nicht nur das, dass man in die körpereigenen Heilungsprozesse eingreift, sondern dass die Kinder nach der Gabe von Zäpfen und Co. manchmal von 0 auf 100 Prozent schießen. Plötzlich hüpfen sie durch die Zimmer und machen einen kerngesunden Eindruck machen. Der perfekte Zustand, um ein eigentlich krankes Kind in der Kita abzugeben…

Was kranken Kindern wirklich hilft:
Ruhe und Zuneigung für Körper und Seele

Kranke Kinder benötigen Ruhe und Zuneigung. Eine freundliche Umgebung, eine vertraute Person an ihrer Seite. Für Körper und Seele ist es wichtig zu spüren, dass sie gesehen werden. Eine kühle Hand auf der Stirn, eine beruhigende Hand auf dem Rücken. Liebe Worte, gemeinsames Bilderbuch anschauen, viele Geschichten, ein Tee, oder doch lieber eine kalte Saftschorle. Ein gemütliches Kissenlager auf der Couch, eine Wärmflasche im Bett. 

Kranke Kinder, vor allem wenn sie noch klein sind, können nicht einschätzen, wie lange sie krank sind. Was es bedeutet krank zu sein. Sie haben nicht die Gewissheit, dass es ihnen in ein paar Tagen wieder besser gehen wird. Kranke Kinder haben häufig ein besonders großes Bedürfnis nach Nähe. U.a. weil sie teilweise Ängste entwickeln, verletzlicher, oder auch extrem schreckhaft sind.

Genau deswegen finde ich es unheimlich wichtig, für kranke Kinder da zu sein. Das ist mit Sicherheit nicht immer einfach und als Eltern muss man innerlich einen Gang zurück schalten (Wäscheberge ignorieren, sich nicht vom Chef stressen lassen, wichtige Termine verschieben…), aber ich bin davon überzeugt, dass Kinder von einer „Krankheitsphase“ profitieren können. 

Rückzugsmöglichkeiten für kranke Kinder

Neben der Tatsache, dass kranke Kinder gesehen und nicht übersehen werden sollten, ist es wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, sich zurück zu ziehen. Das Immunsystem arbeitet auf Hochtouren, was viel Kraft in Anspruch nimmt. Ruhe und ausreichend Schlaf sind von Nöten. 

Nur weil das Fieber mit Hilfe von Zäpfchen oder Saft gesenkt wurde, ist das Kind nicht automatisch wieder fit. Weder körperlich, noch emotional. 

Die kindliche Entwicklung während und nach Krankheit

Manche Kinder machen während eines Infekts einen Rückschritt in ihrer Entwicklung. Kleinkinder, welche vielleicht gerade trocken geworden sind, brauchen plötzlich wieder eine Windel, ältere Kinder sind sehr anhänglich. Ist der Infekt jedoch auskuriert, erscheinen viele Kinder reifer. Es mag vielleicht verrückt klingen, aber ich habe schon öfters die Beobachtung gemacht, dass ich mit meinen Kindern kurz nach ihrer Genesung eine ganz besonders intensive und emotionale Verbindung habe. 

Fiebersaft schafft viel, aber keine ganzheitliche Genesung

Kind krank in Kita

Kranke Kinder brauchen unsere voller Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe. Ein großes Maß an Mitgefühl (anstatt Mitleid) und vor allem Ruhe und Zeit zur Genesung. 

Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, in welchen ich als Kind krank war. Es sind positive Gedanken. Ich denke nicht an das Fieber, oder sonstige Symptome und Schmerzen. Ich erinnere mich an die ganz besonders intensive Zeit mit meiner Mama. An das verwöhnt werden, an kleine „Ausnahmen“, stundenlanges Vorlesen, Lieblingstee und Co.. 

Ich wünsche keinem Kind eine Krankheit, aber ich wünsche allen Kindern die krank sind, dass sie krank sein dürfen. 

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9 Kommentare

  • Antworten bettina 1. März 2020 um 18:44

    Danke für diesen Artikel. Ich stimme 100% zu und neben den Kindern, die sowieso im Vordergrund stehen sollten, ist es auch einfach unsolidarisch den anderen Kindern und Eltern gegenüber und eine Zumutung für die Erzieher die gar nicht auffangen können, was dem Kind eigentlich fehlt.

  • Antworten Angie 1. März 2020 um 18:47

    Toll, dass du darüber schreibst. Wir lassen unseren Sohn immer so lange Zuhause bis er wieder richtig fit ist. Das dauert dann auch mal 2-3 Wochen. Leider war er dadurch bislang mehr Zuhause als in der Krippe.
    Ein großes Problem ist nämlich, dass bei ihm 2 Kinder sind, die absolut immer krank reingesteckt werden. Die stecken ihn natürlich sofort an. Wenn ich die beiden verrotzten fiebrigen Mäuse sehe, tut es mir immer in der Seele weh. Angeblich waren sie vor 2 Minuten noch nicht fiebrig, ach und der Durchfall taucht auch immer nur spontan in der Krippe auf. Ja klar. Ich bin auch berufstätig und muss es irgendwie hinkriegen. Ich habe doch ein Kind mit dem Wissen bekommen, dass nicht immer alles eitel Sonnenschein ist!

  • Antworten Laura 1. März 2020 um 19:28

    Ich hab deinen Artikel jetzt ehrlicherweise nicht ganz gelesen, die ersten Absätze haben gereicht um zu wissen, dass du über das Thema schreibst, was mir persönlich richtig auf den Keks geht.
    Ich stand letztens in der Kita, Montag morgen ohne Kinder, denn die hatten Fieber und waren zu Hause. Ich musste nur kurz das Wochen-Obst abgeben. Am Abend vorher schrieb eine Mutter in der WhatsApp Gruppe „E. hat Fieber, aber morgen kommt sie wieder“ – ganz ehrlich, ich finde das (nicht nur aber vor allem dem Kind gegenüber) ein Unding. Dieses Kind steckt doch alle Anderen an… Die Kinder brauchen Ruhe. Wir geben keinen Fiebersaft aus dem von dir genannten Gründen. Also nur ganz ganz selten, wenn der Zustand besorgniserregend ist. Abgeschlagen und müde zu sein, wenn man einen fiebrigen grippalen Infekt hat, IST NORMAL.
    Ich habe auch keinen Job, mit dem ich von zu Hause aus arbeiten kann, ich bin aber regelmäßig selbst krank… Oder mein Mann ‍♀️ einen von uns erwischt es zu 90% zeitgleich…

  • Antworten Theresa 1. März 2020 um 20:54

    Danke für diese Sicht, Frauke!
    Auf dass sich so manche Eltern das hinter die Ohren schreiben!
    Meine Tochter geht noch nicht in eine Betreuungseinrichtung, aber auch woanders mache ich die Erfahrung, dass kranke Kinder rumgeschleppt werden. Im Supermarkt, Playdates, letztes war ein Kind in der ansteckenden Phase mit Hand Mund Fuß auf einem Spielplatz.
    Was stimmt denn mit den Leuten nicht? Unabhängig von der Tatsache, dass das dem eigenen Kind gegenüber total daneben ist (wie du ja ausführlich beschrieben hast) – wo bleibt denn die soziale Verantwortung anderen gegenüber?!
    Ist bei mir echt ein Reizthema, gerade seit ich ein eigenes Kind habe…

  • Antworten Julia 2. März 2020 um 12:17

    DANKE Frauke, für so wichtige Gedanken.
    Es ist tatsächlich herausfordernd kranke Kinder zu haben (erst recht, wenn es einen dazu selbst auch noch trifft), aber es ist so unglaublich wertvoll wenn wir unsere Kinder dann spürbar werden lassen, dass sie krank sein dürfen. Und dass wir da sind.

  • Antworten Katharina 2. März 2020 um 15:07

    So sehe ich das auch und es geht nur ein gesundes Kind in den Kindergarten. Ich habe es letzte Woche zb selbst erlebt wie es ist wenn man sich nicht richtig auskurieren kann ( weil ich krank wurde nach den Kindern und die halt wieder fit waren und ich dann angefangen habe mit Fieber und Husten etc). Das wünsche ich keinem das er bzw sie sich nicht genug auskurieren kann. Von der Ansteckungsgefahr für die anderen mal ganz abgesehen ….

  • Antworten Jacqueline 2. März 2020 um 18:01

    Ich stimme dir grundsätzlich zu nur leider lässt unser Kinderarzt das nicht wirklich zu weil er grundsätzlich nur eine Krankmeldung für Max. 3 Tage ausstellt und dann hat das Kind wieder zu funktionieren. Er fühlt sich wohl verantwortlich die 10 Tage Au-Zeit bei Erkrankung des Kindes selbst für die Eltern zu managen. Er ist grundsätzlich ein echt toller Kinderarzt aber da muss ich manches Mal darum bitten das Kind bitte länger krankzuschreiben für mehr Erholung.

  • Antworten SusuAnne 3. März 2020 um 19:34

    Liebe Frauke, ja, Du hast Recht. Es ist ein Privileg heutzutage Vollzeitmama zu sein und entsprechend Zeit für Kranke Kinder zu haben. Ich muss mir diese Zeit aktiv nehmen. Bei uns ist aber der Papa genauso 50% da für den Kleinen wie ich und so teilen wir uns die – gerne gegebene und benötigte – Kuschelzeit, Lesezeit und – natürlich auch die Schlafenszeit, weil unser kleiner Mann immer jemanden neben sich im Bett braucht, auch wenn er gesund ist. Wer sich jetzt fragt wie wir das machen: Ich arbeite Vollzeit mit Reisetätigkeiten, habe einmal in der Woche Homeoffice und mein Mann arbeitet Schicht als Sozialarbeiter. Eigentlich sollte kein gesundes und kein krankes Kind längere Zeit auf Mama oder Papa verzichten müssen. Mit zwei engen Vertrauensmenschen fällt das Aufwachsen doch so viel leichter. PS: Krank in die KITA oder in den Kindergarten geht GAR nicht!

  • Antworten Rentenpunkte 8. März 2020 um 21:18

    Was für ein unnötig polarisierender Artikel. Genau solche pauschalen Vorwürfe an andere Eltern sind es doch, die es uns allen so schwer machen. Von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, wird niemand sein Kind absichtlich krank im den Kindergarten oder die Krippe geben. Und muss man wirklich diesen Ausnahmen eine solche Tirade widmen? Da braucht wohl jemand Klickzahlen… Und nein, laufende Nasen sind keine Krankheit. Und jeder, der erfahren im Umgang mit Kindern ist, weiß, dass es Kinder gibt, die morgens noch putzmunter waren und Mittags hoch fiebern. Ein Blick in die Kindersprechstunde hilft… Und übrigens: Sei froh, dass sich deine Kinder im Kindergarten schon mit vielen Erregern auseinandersetzen. Das kommt sonst nämlich im ersten Schuljahr und da wirkt es sich gravierender aus, wenn Kind ständig zuhause bleibt.

    Ps. Einwilligungen in Datenschutzhinweise sind übrigens Blödsinn….

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